Freitag, 18. November 2011

Wie hätten Sie Ihre Türken gern?


"Noch ein Bier, bitte, und einen Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln statt Kartoffelsalat", sage ich dem Kellner in einer Aachener Kneipe. Um mich herum rund 20 ehemalige Mitschüler und Mitschülerinnen, wir haben uns alle viel zu erzählen bei diesem Klassentreffen nach 40 Jahren...

"Sag mal, du trinkst Bier und isst Schweinefleisch? Bist du nicht ein Moslem? Hast du keine Probleme damit?" Die Frage meines Sitznachbarn von damals überrascht mich keinesfalls: "Wenn das Schwein kein Problem damit hat, von einem Moslem verspeist zu werden... Vor 40 Jahren habe ich mit dir auch oft Bier getrunken und gegessen, damals hast du mir solche Fragen aber nicht gestellt..."

"So'n Quatsch verkaufe ich nicht!"

Ortswechsel: Eine kleine Buchhandlung in Frankfurt Bockenheim, einem Multi-Kulti-Viertel der Main-Metropole. Mein türkischer Kollege und ich suchen nach meinem Buch von 2004. Mein Kollege fragt: "Haben Sie das Buch Die Angst der Deutschen vor den Türken?
"So'n Quatsch verkaufe ich nicht. Ich habe doch keine Angst vor den Türken!" Ich verschwinde als Autor unerkannt durch die Tür, Projekt Buchsuche mit lautem Gelächter beendet...

Die meisten Deutschen haben keine Angst vor den Türken. Doch fällt es schwer, zu unterscheiden, wer seine Ängste unehrlich hinter politischer Korrektheit versteckt.

"Ich bin nicht integriert!"

Orts- und Personenwechsel: Einer jungen deutschen Journalistin türkischer Abstammung platzt vor einer Arbeitsagentur im Ruhrpott der Kragen: "Ich bin nicht integriert. Wenn ich heute nicht hier, sondern in der Türkei wäre, würde ich vor einer ähnlichen Einrichtung in ähnlichen Klamotten ähnliche blöde Interviews führen..."

Ein Deutscher, dem sie ihr Mikrofon entgegengestreckt hatte, hatte sie auf die Palme gebracht: "Sie sind ja integriert und sprechen sehr gut Deutsch. Aber die Anderen..." 

Meine junge Kollegin hatte sich über das vermeintliche "Kompliment" aufgeregt, dass alle Türken von ganz unten, ja von der Gosse kommen und sich in Deutschland hochintegrieren.

Für Deutsche und ihre Medien sind Türken nicht gleich Türken: "Wie? Sie sind Türke? Sie sehen ja überhaupt nicht aus wie einer..." Wie sollen Türken denn aussehen? Wie hätten Sie sie gerne, Ihre Türken?

Türken sind auch nur Menschen - ganz normale sogar!

Vor 50 Jahren kamen sie nach "Almanya", die Türken, als "Gastarbeiter", um fleißig schnellstmöglich genug Geld zu sparen, um sich in der Heimat eine neue Existenz aufzubauen. Auf die Heimattreue der Türken hatten sich die Deutschen verlassen. Doch es kam bekanntlich anders und heute wächst die vierte Generation von Türken heran. Junge Menschen, die hier geboren sind, hier aufwachsen und hier den Mittelpunkt ihres Lebens haben werden.

Inzwischen gibt es immer mehr Deutsche mit türkischen Wurzeln, die hier in Deutschland Anwaltskanzleien eröffnen, Schlüsseldienste oder Dönerbuden betreiben, in Supermärkten kassieren, Änderungsschneidereien betreiben, sich aber auch in höhere Positionen in Wirtschaftsunternehmen, in der Kultur und in Wissenschaft hineinarbeiten und deutschen Politikern Abgeordnetenmandate in Landtagen, Stadträten oder gar im Deutschen Bundestag streitig machen.

Türken sind auch nur Menschen - ganz normale sogar! Es gibt gute und schlechte, reiche und arme, intelligente und dumme, kriminelle und spießige, welche, die Bier trinken und Schweinefleisch essen, welche, die als aufrichtig Gläubige Alkohol und Schweinefleisch ablehnen.

Was wäre, wenn das Bild der Deutschen nur vom Ballermann-Sex-Touristen abgeleitet würde? "Sie sehen ja nicht aus wie ein Deutscher, Sie können sich benehmen, aber die Anderen...!!"

*Das ist mein hier umformulierter Beitrag für die Frankfurter Rundschau v. 1. März 2008, die an dem Tag als FR-Schwerpunkt mit dem Titel erschien: "Diese Türken - Wir leben mit ihnen oder neben ihnen her. Der "Mehrheitsgesellschaft" fallen sie erst auf, wenn ein Wohnhaus brennt oder eine Gewalttat die Gemüter erregt. Wer sind "diese Türken"?

2 Kommentare:

  1. darf ich diesen Artikel auf meiner HP veröffentlichen? www.bibelkreis-muechen.de
    Viele Grüße
    Peter Burghardt

    AntwortenLöschen
  2. Schöne Story - habe ich mal eben geklaut.
    Guckst du weidda: http://kayabockt.tumblr.com/post/14992559375/wie-haetten-sie-ihre-tuerken-gern

    AntwortenLöschen