Freitag, 18. November 2011

Wie hätten Sie Ihre Türken gern?


"Noch ein Bier, bitte, und einen Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln statt Kartoffelsalat", sage ich dem Kellner in einer Aachener Kneipe. Um mich herum rund 20 ehemalige Mitschüler und Mitschülerinnen, wir haben uns alle viel zu erzählen bei diesem Klassentreffen nach 40 Jahren...

"Sag mal, du trinkst Bier und isst Schweinefleisch? Bist du nicht ein Moslem? Hast du keine Probleme damit?" Die Frage meines Sitznachbarn von damals überrascht mich keinesfalls: "Wenn das Schwein kein Problem damit hat, von einem Moslem verspeist zu werden... Vor 40 Jahren habe ich mit dir auch oft Bier getrunken und gegessen, damals hast du mir solche Fragen aber nicht gestellt..."

"So'n Quatsch verkaufe ich nicht!"

Ortswechsel: Eine kleine Buchhandlung in Frankfurt Bockenheim, einem Multi-Kulti-Viertel der Main-Metropole. Mein türkischer Kollege und ich suchen nach meinem Buch von 2004. Mein Kollege fragt: "Haben Sie das Buch Die Angst der Deutschen vor den Türken?
"So'n Quatsch verkaufe ich nicht. Ich habe doch keine Angst vor den Türken!" Ich verschwinde als Autor unerkannt durch die Tür, Projekt Buchsuche mit lautem Gelächter beendet...

Die meisten Deutschen haben keine Angst vor den Türken. Doch fällt es schwer, zu unterscheiden, wer seine Ängste unehrlich hinter politischer Korrektheit versteckt.

"Ich bin nicht integriert!"

Orts- und Personenwechsel: Einer jungen deutschen Journalistin türkischer Abstammung platzt vor einer Arbeitsagentur im Ruhrpott der Kragen: "Ich bin nicht integriert. Wenn ich heute nicht hier, sondern in der Türkei wäre, würde ich vor einer ähnlichen Einrichtung in ähnlichen Klamotten ähnliche blöde Interviews führen..."

Ein Deutscher, dem sie ihr Mikrofon entgegengestreckt hatte, hatte sie auf die Palme gebracht: "Sie sind ja integriert und sprechen sehr gut Deutsch. Aber die Anderen..." 

Meine junge Kollegin hatte sich über das vermeintliche "Kompliment" aufgeregt, dass alle Türken von ganz unten, ja von der Gosse kommen und sich in Deutschland hochintegrieren.

Für Deutsche und ihre Medien sind Türken nicht gleich Türken: "Wie? Sie sind Türke? Sie sehen ja überhaupt nicht aus wie einer..." Wie sollen Türken denn aussehen? Wie hätten Sie sie gerne, Ihre Türken?

Türken sind auch nur Menschen - ganz normale sogar!

Vor 50 Jahren kamen sie nach "Almanya", die Türken, als "Gastarbeiter", um fleißig schnellstmöglich genug Geld zu sparen, um sich in der Heimat eine neue Existenz aufzubauen. Auf die Heimattreue der Türken hatten sich die Deutschen verlassen. Doch es kam bekanntlich anders und heute wächst die vierte Generation von Türken heran. Junge Menschen, die hier geboren sind, hier aufwachsen und hier den Mittelpunkt ihres Lebens haben werden.

Inzwischen gibt es immer mehr Deutsche mit türkischen Wurzeln, die hier in Deutschland Anwaltskanzleien eröffnen, Schlüsseldienste oder Dönerbuden betreiben, in Supermärkten kassieren, Änderungsschneidereien betreiben, sich aber auch in höhere Positionen in Wirtschaftsunternehmen, in der Kultur und in Wissenschaft hineinarbeiten und deutschen Politikern Abgeordnetenmandate in Landtagen, Stadträten oder gar im Deutschen Bundestag streitig machen.

Türken sind auch nur Menschen - ganz normale sogar! Es gibt gute und schlechte, reiche und arme, intelligente und dumme, kriminelle und spießige, welche, die Bier trinken und Schweinefleisch essen, welche, die als aufrichtig Gläubige Alkohol und Schweinefleisch ablehnen.

Was wäre, wenn das Bild der Deutschen nur vom Ballermann-Sex-Touristen abgeleitet würde? "Sie sehen ja nicht aus wie ein Deutscher, Sie können sich benehmen, aber die Anderen...!!"

*Das ist mein hier umformulierter Beitrag für die Frankfurter Rundschau v. 1. März 2008, die an dem Tag als FR-Schwerpunkt mit dem Titel erschien: "Diese Türken - Wir leben mit ihnen oder neben ihnen her. Der "Mehrheitsgesellschaft" fallen sie erst auf, wenn ein Wohnhaus brennt oder eine Gewalttat die Gemüter erregt. Wer sind "diese Türken"?

Montag, 7. November 2011

Mit einem "Mörder" im Auto nach Istanbul


Der  Bolu Berg gehört zwar mit gut 1300 Metern nicht zu den höchsten der Türkei. Doch war früher der Auf- und Abstieg mit dem Wagen stets sehr schwer, weil es sich hier um eine der gefährlichsten Teilstrecken des anatolischen Straßennetzes handelte. Bevor die Umgehungsautobahn mit einem tollen Doppeltunnel durch den Berg fertig war, führte jede Autofahrt von Istanbul nach Ankara oder umgekehrt durch dieses Nadelöhr im Nordwesten Anatoliens. Zwei Spuren führten aufwärts und eine abwärts. Doch die durchgezogene Linie war damals nicht mehr als Dekoration auf dem Asphalt, weshalb es immer wieder zu furchtbaren Unfällen mit vielen Toten und Verletzten kam.

Es war ein regnerischer, kalter Herbsttag in den früher 90er Jahren. Ich war einmal mehr froh, den Abstieg ohne Probleme gemeistert zu haben. Wieder hatte ich bis auf eine kleine Pause in einer der vielen netten Rast- und Gaststätten entlang der Todesstrecke keinen Blick für die malerisch schöne Landschaft mit herrlichen Tannenwäldern jenseits der Schluchten, deren "Diesseits" zumeist direkt an den Leitplanken begann.

Wenn ich nach Istanbul fuhr, freute ich mich immer auf die Ticketautomaten der Gemeinde von Kaynasli an der Einfahrt zur Autobahn, an deren Ende meine Geburtsstadt auf mich wartete. Doch diesmal sollte nichts wie gewohnt verlaufen.

Es begann mit einem freundlichen "Merhaba Abi"

Ein Mann ersparte mir den Druck auf den dicken Knopf und streckte mir ein Autobahnticket durch das offene Fahrerfenster entgegen: "Merhaba Abi" (Hallo, großer Bruder)...

"Merhaba"??? Ich bedankte mich für das Ticket und glaubte, er wolle nur Geld dafür haben, so eine Art Bachschisch, dafür, dass ich meinen linken Arm nicht aus dem Fenster strecken musste, um den dicken roten Knopf zu drücken und das Ticket aus seinem Schlitz zu ziehen.

Ich sah ihm ins Gesicht, als ob ich ihm sagen wollte, dass er für diese Leistung wohl nichts zu erwarten hat. Doch er fragte mich plötzlich sehr freundlich: "Fahren Sie nach Istanbul?"
"Ja!"
"Würden Sie mich mitnehmen?"

Er hatte ehrliche Gesichtszüge, doch nur einen Vorderzahn oben und zwei unten. Ich prüfte ihn eingehend und er machte keinen Eindruck, als ob er mich unterwegs ermorden und ausrauben oder umgekehrt erst ausrauben und dann töten würde. Außerdem war es hellichter Tag, was sollte schon passieren.

Er hatte eine anatolische Bauernmütze, saubere Jeansjacke, eine unbeschmutzte Jeanshose und ein farblich passendes bläuliches Hemd an. Seine schwarzen Schuhe waren auch nicht unsauber, wenn sie auch nicht gerade glänzten.

"Komm, ich nehme dich mit!"
Er lächelte, stieg ein, schnallte sich sofort an, was damals in der Türkei etwas außergewöhnlich war. Seine Mütze legte er auf seine Knie und schaute nur gerade aus, als ich Gas gab und das Auto beschleunigte.

Elf Jahre "Militärdienst"

"Woher kommst du?"
"Aus Sarıkamış.."
Ich war noch nie in Sarıkamış, einem kleinen Ort in der Provinz Kars an der Ostgrenze der Türkei zu Armenien nahe dem Berg Ararat.
"Da hast du aber einen sehr weiten Weg zurückgelegt..."
"Ja, habe ich Abi, mehr als 1.200 Kilometer, bin schon seit zwei Wochen unterwegs. Ein so tolles Auto hat mich bislang nicht mitgenommen, nur Lastwagen..."

"Was hast du denn in Sarıkamış gemacht?"
"Militärdienst!"
"Fertig gedient?"
"Ja, Abi..."
"Warst du einfacher Soldat, Rekrut?"
"Ja, Abi..."
"Wie lange? Zwei Jahre, anderthalb Jahre?"
"Elf Jahre, Abi..."

Er schaute immer aus den Fenstern nach vorne, zu den Seiten, und sagte zwischendurch auch immer wieder: "Wie sich das alles hier verändert hat? Als ich zum Militärdienst mit dem Bus hier vorbei fuhr, war hier nur Landschaft, keine Häuser, keine Fabriken..."

"Elf Jahre? Warum so lange?"
"Ich habe den Hauptleutnant erschossen und wurde zu elf Jahren Militärgefängnis verurteilt."

200 km/h zum Schutz meines Lebens

Mir stockte der Atem. Ich hatte einen "Mörder" als Anhalter mitgenommen. Aber er sah so friedlich aus. Ich gab aus Angst Vollgas, erhöhte das Tempo meines damaligen Schlittens auf 200 und wollte nur noch eins: So schnell wie möglich in Istanbul ankommen und den Mann irgendwo absetzen... Zudem dachte ich, er werde bei diesem Tempo sicherlich keine Waffe aus der Tasche holen und mich zum Anhalten zwingen, weil er ja mit mir sterben würde, wenn sich das Auto hei dieser Geschwindigkeit überschlägt. Er sagte nichts, doch mein Rasen machte ihn merklich unruhig. 

"Er hatte den Tod verdient!" 

Doch wurde ich auch neugierig, auf eine besondere Geschichte, vielleicht auf ein besonderes menschliches Schicksal.

"Warum hast du denn ihn umgebracht und wie?"
"Ich war erst ein paar Tage in der Kaserne. Auf den Tischen lagen die Gewehre zum Üben von Laden und Entladen. Ich habe einen Fehler gemacht und er hat auf meine Mutter und meine Frau geflucht und mich zugleich geohrfeigt.."
"Dann...??"
"Dann habe ich ihn gebeten, sich bei mir zu entschuldigen!"
"Dann...??"
"Dann hat er mir mit dem Gewehrkolben die Vorderzähne ausgeschlagen."
"Dann...??"
"Dann habe ich das Gewehr genommen und ihn erschossen. Er hatte den Tod verdient. Ich wurde zu 15 Jahren verurteilt, die letzten vier Jahre wurden wegen guter Führung erlassen."

"Endziel" Bandirma am Marmarameer

"Was willst du jetzt in Istanbul machen?"
"Ich will nicht nach Istanbul, mein Ziel ist Bandirma."

Bandirma ist ein schöner Küstenort am Marmarameer nahe den Dardanellen mit einem Fährhafen.

"Kommst du aus Bandirma?"
"Ja, aus einem Dorf mit dem Namen Orhaniye..."
"Hast du deine Eltern da, Verwandte...?"
"Meine Frau ist da. Ich habe sie seit elf Jahren nicht mehr gesehen. Bevor ich zum Militärdienst eingezogen wurde, hatten wir geheiratet. Sie war schwanger, als ich ging. Ich habe einen Sohn, zehn Jahre alt, den ich zum ersten Mal sehen werde..."

Meine Angst hatte sich gelegt. Er tat mir sehr leid. Ich fuhr inzwischen wieder im Normaltempo irgendwo zwischen 130 und 150 Stundenkilometern.

"Hat deine Frau dir Briefe geschrieben und vielleicht auch Bilder von deinem Sohn geschickt.?"
Er zog zwei kleine Portätbilder eines kleinen Jungen mit einem sehr hübschen Gesicht. Während er mir die Bilder gab, sah ich in seinem Lächeln die Vorfreude auf das Wiedersehen mit seine Frau und seinem Sohn, mit seinen Verwandten und Eltern.

Keine Zeit für süße Kalorienbombe

Wir waren schon am wunderschönen Sapanca-See vorbeigefahren und Istanbul rückte immer näher. Ich wollte ihm in Izmit eine Packung "Pischmaniye" kaufen, eine süße Kalorienbombe, Spezialität in dieser Gegend. Deshalb wollte ich von der Autobahn runter und in die Stadt fahren. Doch er bat mich darum, weiterzufahren: "Abi, bitte sei mir nicht böse, aber ich will so schnell wie möglich zu meinem Sohn. Bin schon seit zwei Wochen unterwegs..."

"Warum bist du denn nicht mit dem Bus gefahren? Dann wärst du doch viel schneller in Bandirma angekommen..."
"Ich habe kein Geld. Im Gefängnis bekam ich keins. Nur Essen gab's und genug zu trinken. Für unsere Arbeit im Gefängnis gab es zwar etwas Geld, aber die kassierten die Wärter als Lohn dafür, dass sie uns nichts taten..."

"Ich will keine Almosen!"

"Aber du kannst doch nicht so mit leeren Händen da auftauchen. So ein Junge erwartet immer, dass der Vater nach so einer langen Zeit etwas für ihn mitbringt. Er muss sich ja auch an dich gewöhnen. Glaube es mir, ich habe zwei Kinder und nach jeder längeren Reise habe ich immer was mitgebracht. Kinder freuen sich so herrlich..."

"Was soll ich denn wie kaufen, Abi?"
"Pass mal auf, ich gebe dir etwas Geld..."
"Nein, kommt überhaupt nicht infrage. Ich will keine Almosen!"
"Das sind keine Almosen, du bist ja auch kein Bettler, Bettler kriegen von mir nichts..."
"Ich kann dein Geld nicht nehmen. Bete für mich, das ist wertvoller als jedes Geld, das du mir jetzt gibst..."

Ich hatte meine Geldbörse links in der Fahrertürtasche. Ich holte daraus 100 Mark und reichte ihm den Geldschein mit den Worten: "Komm, nimm bitte das Geld, ich werde für dich auch beten."

Er schaute weg, schämte sich wohl, doch ich ließ nicht locker: "100 Mark sind für dich viel Geld, für mich zwar auch, aber ich kann es eher verkraften, dir 100 Mark zu geben, als du ohne Geld und ohne ein Geschenk für deinen Sohn zu Hause aufzutauchen."

Er blieb beharrlich: "Nein, Abi, du meinst es gut, aber ich will keine Almosen..."
"Das sind keine Almosen. Kaufe damit kein Spielzeug. Dein Sohn geht doch bestimmt zur Schule, kaufe ihm ein paar neue Hefte, einen schönen Füller, schöne Buntstifte, Zeichenpapier, vielleicht auch eine neue Schultasche. Ich gebe das Geld nicht dir, sondern deinem Sohn. Ich werde auch dafür beten, dass er gesund bleibt und ein guter Mensch wird..."

Endlich akzeptierte er die 100 Mark

Mein "Mörder" war inzwischen aufgeweicht, nahm das Geld, dankte mit vielen Gebetsfloskeln und steckte das Geld in die Brusttasche seiner Jeansjacke: "Abi, ich danke dir, du bist ein guter Mensch, hast ein großes Herz. Möge Allah dir Krankheiten ersparen und deine Kinder mögen gute Menschen werden, in guten Berufen arbeiten..."

"Wo willst du denn aussteigen?"
"Fährst du in Richtung Flughafen?"
"Ja!"
"Dann setz mich doch bitte irgendwo an der Autostraße nach Tekirdag aus. Ich finde bestimmt jemanden, der mich Bandirma näher bringt..."

Inzwischen hatte ich geschätzt genug türkisches Geld abgezählt, um es ihm zu geben: "Hier, wir zwei sind jetzt Freunde, hier hast du Geld für eine Busfahrt nach Bandirma oder Canakkale, von wo du schnell in dein Dorf fahren kannst... "

"Allah möge dich beschützen, Abi..." Er stieg aus, ging langsamen Schrittes entlang der Autostraße. Ich schaute ihm hinterher, bis er hinter einem Haus verschwand und nicht mehr zu sehen war. Ich dankte Allah dafür, dass ich so etwas nie erleben musste...

Dank für eine tolle Lektion

Ich hatte die Geschichte nur meinem engsten Familien- und Freundeskreis erzählt. Ein paar Wochen später trafen wir uns in größerem Freundeskreis wie so oft in einem netten Fischlokal am Bosporus zum gemütlichen Beisammensein.

Einer meiner Freunde, den ich lange nicht mehr gesehen hatte und der auch viel mit dem Auto in Anatolien unterwegs war, ergriff das Wort und sagte: "Vor drei Tagen fuhr ich den Bolu-Berg runter und an den Ticketautomaten von Kaynasli streckte mir ein Mann ein Ticket entgegen. Der arme Mann hatte ja ein schweres Schicksal, wir sollten Allah alle danken, dass es uns so gut geht...

Ich sagte nur noch: "Er hatte elf Jahre im Militärgefängnis von Sarıkamış gesessen, weil er seinen Hauptleutnant im Streit erschossen hat. Er stammt aus Bandirma und hat seinen zehnjährigen Sohn noch nie gesehen... Wieviel Geld hast du ihm denn gegeben?"

Mein Freund stammelte nur noch: "50 Dollar..."

Hey, du Betrüger, ich gönne dir die 100 Mark vom Herzen... Sie sind der Lohn für eine der tollsten Lektionen, die mir erteilt worden ist. So herrlich wie von dir bin ich bis heute nicht betrogen worden...

Mittwoch, 26. Oktober 2011

In Istanbul daheim, im Rheinland zu Hause...


In diesen Tagen wird viel über 50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen gesprochen, geschrieben, diskutiert... Ich kam vor 50 Jahren auf den Tag genau am 31. Oktober 1961 in Deutschland an. Hier der ungekürzte Text, der in gekürzter Form im Internet der Deutschen Welle mit Bildern erschienen ist: 
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,15490535,00.html mit Bildern erschienen ist.

Alle sagten nur Gutes über Deutsche und Deutschland

Jeder Abschied tut weh! Doch den Schmerz des Abschieds vor 50 Jahren habe ich nie vergessen. Ich verabschiedete mich von Freunden, Nachbarskindern, von Istanbul, meiner Geburtsstadt. Als Opfer von Entscheidungen von Erwachsenen hatte ich keine andere Wahl. Gefragt wurde ich nicht, ob ich wirklich nach "Almanya" wollte. Elfjährige Kinder fragen die Erwachsenen nicht groß.

"Du fährst nach Deutschland" , hieß es immer wieder: "Deutschland ist gut, Deutsche sind unsere Freunde, Deutsche sind gute Menschen." Meine Klassenlehrerin, die Menschen in der Nachbarschaft im Stadtteil Üsküdar, der "Bakkal" (Lebensmittelhändler) Ahmet, der Kinobetreiber und seine Frau, deren kleine Tochter sie mir immer anvertrauten, wenn sie einen Aufpasser brauchten, um mich dann mit Freikarten für mich und für meine Oma zu entlohnen, sie alle sprachen nur gut über Deutsche und Deutschland.

Deutsche waren "Freunde", Deutsche waren "Waffenbrüder". Im Ersten Weltkrieg hätten Deutsche und Türken gegen gemeinsame "Feinde" gekämpft, hieß es. Deutsche waren "fleißig", "diszipliniert", Deutsche seien immer gut zu Türken und zur Türkei gewesen. Es gab Tage, an denen ich es kaum erwarten konnte, nach "Almanya" zu reisen, wo meine Eltern bereits seit drei Jahren lebten.

Auf nach "Almanya" 

Am 28. Oktober 1961 war es soweit. Meine Großmutter und ich brachen auf nach "Almanya". Die Abschiedsrunden in der Nachbarschaft hatten viele Tage gedauert. Immer wieder herzliche Umarmungen. Ich küsste ehrerbietig viele Hände von Erwachsenen, knuddelte die kleinen Kinder, verstand dabei nicht, warum so viele Erwachsene weinten. Ich war mir noch immer nicht im Klaren darüber, dass es kein Zurück mehr geben wird.

Auf dem Bahnsteig in Sirkeci, dem Kopfbahnhof auf der europäischen Seite vom Bosporus, wo einst der Orient-Express mit betuchten Reisenden ankam, verabschiedeten einfache Menschen ihre Angehörigen zum Arbeiten oder zum Studieren nach "Almanya". Eine Nachbarin hatte mir zum Abschied einen gelben Pullover gestrickt, dessen V-Ausschnitt die Krawatte nicht verdeckte, die damals zur guten Reisekleidung von Türken gehörte.

Wir hatten nicht viel Gepäck. Zwei Koffer und zwei größere Beutel. Dazu noch die vielen leckeren Speisen, die die Nachbarn für uns zubereitet hatten, damit wir während der dreitägigen Bahnfahrt nicht verhungern. Der türkische Staat erlaubte mir als Schüler, oder "Etudiant", wie es im Pass zu lesen war, ein Reisetaschengeld von 72 Mark und 50 Pfennig. Ein Vermögen war das sicher nicht, aber immerhin durfte ich so viel Devisen ausführen.

Winken bis zur Erschöpfung

Viele Menschen auf dem Bahnsteig hatten größere Becher, Karaffen, einige sogar kleinere Eimer mit Wasser dabei. Diese sollten nach altem türkischen Brauch bei der Abfahrt dem Zug hinterher geschüttet werden, damit die Reise so einfach wie fürs Wasser in einem Flussbett verläuft. Ich wusste immer noch nicht, was wirklich geschah. Winken bis zur Erschöpfung aus dem Zugfenster, meine Oma weinte, ich versuchte sie zu trösten: "Oma, wir kommen ja bald wieder zurück, bitte weine nicht!" Sie streichelte mir über den Kopf und rang um Fassung, um dann wieder aus dem Abteilfenster zu winken.

Der Zug war nicht so voll. Viele Jahre später sollte ich erfahren, dass an meinem Abreisetag das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zur Unterschrift vorlag und erst in drei Tagen, am Tag meiner Ankunft in Aachen, unterzeichnet werden sollte, um türkische Arbeitskräfte als Aufbauhelfer für das Nachkriegsdeutschland zu holen. In unserem Abteil saß noch eine blonde Frau, die Ingeborg hieß und nach Innsbruck wollte.

Aussteigen erst in Deutschland möglich

Erst als der Zug nicht mehr parallel zum Marmarameer fuhr und ins Landesinnere abbog, merkte ich plötzlich, dass Istanbul in immer weitere Ferne rückte. Ich wollte wieder zurück: "Oma, lass uns doch im nächsten Bahnhof aussteigen und wieder zurückfahren." Ihre Antwort war der Auslöser von meinen Tränen, die während der dreitägigen Reise fließen sollten: "Nein, das geht nicht mehr. Wir können erst wieder in Deutschland aus dem Zug aussteigen."

Nach dem ersten Umsteigen in München in Richtung Köln und dort wieder in einen Pendlerzug nach Aachen hatte ich eigentlich keine Kraft mehr zum Weinen. Ich hatte mich meinem Schicksal ergeben und ließ mich nur noch treiben, half meiner Oma beim Tragen, aber die Koffer waren sehr schwer, Koffer, die keine Rollen hatten.

"Trümmerfrauen" im Pendlerzug nach Aachen

Im Pendlerzug nach Aachen saßen grimmig schauende Menschen. Sie beäugten uns, als ob wir von einem anderen Stern gekommen waren. Es war früher Morgen. Die Frauen sahen so aus, wie sie mir später in deutschen Spielfilmen als "Trümmerfrauen" begegneten. Einige Männer lasen so eine komische Zeitung mit einem großen roten Rechteck, in dem in weißen Buchstaben "Bild" zu lesen war. 10 Pf stand an diesem Rechteck zu lesen. Meine Oma konnte mir nicht sagen, was "Pf" bedeutet. Viel später erfuhr ich, dass dieses Blatt zehn Pfennige kostete und damals bei einfachen Menschen als "Groschenblatt" bekannt und beliebt war.

Auf dem Platz vor dem Aachener Hauptbahnhof sah ich erstmals, wie Deutschland abseits von Bahngleisen aussah. Da standen schwarze Autos mit buckligen Kofferraumdeckeln, die Taxis mit dem Mercedes-Stern, in Reih und Glied. An der Spitze der Droschkenreihe gab es einen Kasten ähnlich wie ein Vogelfutterhäuschen. Da war ein Telefon drin, mit Wählscheibe. Immer, wenn das Telefon klingelte, ging der erste Taxifahrer dran, um sich dann ins Auto zu sezten und loszufahren. Die Zentrale vergab die Aufträge damals auf diesem Weg.

Türkischer Honig als "süße Währung"

Meine Oma und ich schleppten unser Gepäck zu diesen Taxis. Einem der Fahrer zeigte meine Oma einen Zettel mit der Adresse meiner Eltern in die Hand. Der Mann aber machte das weltberühmte Zeichen für Geld, das Reiben von Daumen und Zeigefinger gegeneinander. Doch wir hatten kein Geld mehr. Die 72 Mark und 50 Pfennige waren weg. Gepäckträger, Getränke im Zug... Alles war weg.

Ich erinnere mich noch, wie der Taxifahrer mit den Schultern zuckte und sich abwenden wollte. Doch meine Oma gab nicht auf, hielt ihn am Arm und griff mit ihrer freien Hand in einen der Beutel. Sie holte eine kleine Schachtel "Lokum" heraus, türkischen Honig, und bot dem Taxifahrer ein Stück zum probieren an. Er nahm, sagte irgendwas, und nahm den ganzen Schachtel als "Fahrgeld" - für eine Strecke, die weniger als zwei Kilometer war, der Schlawiner.

Ob die Deutschen und Deutschland wirklich so gut zu Türken und zur Türkei waren wie mir in Istanbul ständig gesagt worden war? Mein erster Eindruck war positiv, auch wenn ich mich darüber ärgerte, dass nirgendwo ein Straßenschild den Weg nach Istanbul zeigte. In Istanbul aber gibt es heute noch Straßenschilder, die den Weg über Ausfallstraßen nach "Avrupa" zeigen - nach Europa!

Schulrektor sagte: "Hoschgeldin,Efendi!"

Wegen nicht vorhandener Deutschkenntnisse in die vierte Klasse zurückversetzt fand ich mich in der evangelischen Volksschule Annastraße wieder. Ich werde den Schulrektor, Herrn Großmann, nie vergessen. Als ich sein Zimmer betrat, wo ich ihm vorgestellt wurde, sagte er herzerwärmend "Hoschgeldin, Efendi", was "Willkommen, mein Herr" bedeutet. Er konnte weitere türkische Wörter wie "yavasch yavasch, efendi", wenn ich mal wieder tobend durch die Flure raste, "langsam, langsam, mein Herr".

Die Deutschen waren so, wie man es mir gesagt hatte, gut zu mir. Die Eltern der anderen Kinder luden mich immer wieder ein, damit ich mit ihren Kindern spielte. Auch in dem Haus am Dahmengraben, deren Dachgeschoss wir bewohnten, gab es eine Familie mit zwei Jungs. Einer von ihnen war gleichen Alters wie ich und er war mein erster Freund in Deutschland. Wir haben den Kontakt nie abreißen lassen und halten die Verbindung inzwischen per E-Mail aufrecht.

Bitte Herr Postulka, benoten Sie mein Deutsch!

Mein erster Klassenlehrer hieß Postulka. Er konnte so schön Geige spielen. In meinem ersten Zeugnis verzichtete er auf die Bewertung im Fach Deutsch, weil ich es nicht konnte. Heute würde ich ihm sagen: "Ich kann inzwischen Deutsch sprechen, Herr Postulka, bitte benoten Sie meine Leistungen."

Die erste Nachhilfe in Deutsch gab mir Maria "Abla" (ältere Schwester). Sie war eine Schuhverkäuferin und verheiratet mit einem Türken. Sie brachte mir geduldig Deutsch bei und machte mich von leckerer Kalbsleberwurst abhängig. Seit den Tagen esse ich sehr gerne Kalbsleberwurst - und mindestens einen halben Zentimeter dick auf der Brotscheibe, wie sie es mir beigebracht hatte.

Maria "Abla" und "Aki" halfen beim Lernen

Doch den sprachlichen Durchbruch schaffte ich durch Besuch von Kinos. Lieder, die in den Filmen gesungen werden, konnte ich schnell auswendig. Maria "Abla" sagte mir, was ich da so aufgeschnappt sang. Zudem ging ich zwei- dreimal in der Woche ins "Aki", in das Aktualitätenkino, das in Aachen Mitten in der Stadt war. Manchmal sah ich mir die knapp einstündigen Wochenschauen stundenlang an. Man musste 70 Pf bezahlen und konnte so lange im Saal bleiben wie man wollte. Die Menschen gingen ständig ein und aus.

Mich interssierten vor allem die Fußballberichte und die zwischendurch gezeigten Zeichentrickfilme. Kuba-Krise, Kennedy in Berlin mit dem berühmten Spruch "ich bin ein Berliner", der Tod von Marilyn Monroe waren die Highlights der Wochenschauen, an die ich mich noch erinnern kann.

In wenigen Jahren konnte ich schon so gut Deutsch, dass ich in "Gastarbeiter"-Heimen übersetzte, den türkischen "Arbeitskräften" einfache deutsche Sätze für den Alltag beibrachte und bei Gerichtsverhandlungen oder auf dem Polizeirevier übersetzte. In den 70er Jahren wurde ich sogar "Dozent" im Fach "Deutsch als Fremdsprache" - an der Volkshochschule Aachen.

Unendliches Wandern zwischen Rhein und Bosporus 

Ja, die Deutschen waren gut zu mir - und damals auch zur Türkei. Seit dieser Zeit wandere ich zwischen "Türkiye" und "Almanya" ständig hin und her. Meine Heimat ist immer noch Istanbul, aber mein Zuhause ist das Rheinland. Glücklich bin ich im Rheinland aber nur da, wo im Karneval "Alaaf" gerufen wird. Kölle Alaaf, Oche Alaaf, Bonn Alaaf...

Meine Oma ist schon längst tot, Tante Ingeborg sicherlich auch. Wie gerne würde ich vor ihnen mit meinem Deutsch prahlen. Vielleicht im Jenseits, irgendwann. Wenn Allah, der gemeinsame Gott monotheistischer Religionen, seinen Stab zu meinem Verhör schickt und ich gefragt werde, wie die Deutschen zu mir waren, werde ich sagen: "Sie waren gut zu mir." Hinzufügen werde ich aber auch, dass nicht alle Türken so denken - leider!