Der Bolu Berg gehört zwar mit gut 1300 Metern nicht zu den höchsten der Türkei. Doch war früher der Auf- und Abstieg mit dem Wagen stets sehr schwer, weil es sich hier um eine der gefährlichsten Teilstrecken des anatolischen Straßennetzes handelte. Bevor die Umgehungsautobahn mit einem tollen Doppeltunnel durch den Berg fertig war, führte jede Autofahrt von Istanbul nach Ankara oder umgekehrt durch dieses Nadelöhr im Nordwesten Anatoliens. Zwei Spuren führten aufwärts und eine abwärts. Doch die durchgezogene Linie war damals nicht mehr als Dekoration auf dem Asphalt, weshalb es immer wieder zu furchtbaren Unfällen mit vielen Toten und Verletzten kam.
Es war ein regnerischer, kalter Herbsttag in den früher 90er Jahren. Ich war einmal mehr froh, den Abstieg ohne Probleme gemeistert zu haben. Wieder hatte ich bis auf eine kleine Pause in einer der vielen netten Rast- und Gaststätten entlang der Todesstrecke keinen Blick für die malerisch schöne Landschaft mit herrlichen Tannenwäldern jenseits der Schluchten, deren "Diesseits" zumeist direkt an den Leitplanken begann.
Wenn ich nach Istanbul fuhr, freute ich mich immer auf die Ticketautomaten der Gemeinde von Kaynasli an der Einfahrt zur Autobahn, an deren Ende meine Geburtsstadt auf mich wartete. Doch diesmal sollte nichts wie gewohnt verlaufen.
Es begann mit einem freundlichen "Merhaba Abi"
Ein Mann ersparte mir den Druck auf den dicken Knopf und streckte mir ein Autobahnticket durch das offene Fahrerfenster entgegen: "Merhaba Abi" (Hallo, großer Bruder)...
"Merhaba"??? Ich bedankte mich für das Ticket und glaubte, er wolle nur Geld dafür haben, so eine Art Bachschisch, dafür, dass ich meinen linken Arm nicht aus dem Fenster strecken musste, um den dicken roten Knopf zu drücken und das Ticket aus seinem Schlitz zu ziehen.
Ich sah ihm ins Gesicht, als ob ich ihm sagen wollte, dass er für diese Leistung wohl nichts zu erwarten hat. Doch er fragte mich plötzlich sehr freundlich: "Fahren Sie nach Istanbul?"
"Ja!"
"Würden Sie mich mitnehmen?"
Er hatte ehrliche Gesichtszüge, doch nur einen Vorderzahn oben und zwei unten. Ich prüfte ihn eingehend und er machte keinen Eindruck, als ob er mich unterwegs ermorden und ausrauben oder umgekehrt erst ausrauben und dann töten würde. Außerdem war es hellichter Tag, was sollte schon passieren.
Er hatte eine anatolische Bauernmütze, saubere Jeansjacke, eine unbeschmutzte Jeanshose und ein farblich passendes bläuliches Hemd an. Seine schwarzen Schuhe waren auch nicht unsauber, wenn sie auch nicht gerade glänzten.
"Komm, ich nehme dich mit!"
Er lächelte, stieg ein, schnallte sich sofort an, was damals in der Türkei etwas außergewöhnlich war. Seine Mütze legte er auf seine Knie und schaute nur gerade aus, als ich Gas gab und das Auto beschleunigte.
Elf Jahre "Militärdienst"
"Woher kommst du?"
"Aus Sarıkamış.."
Ich war noch nie in Sarıkamış, einem kleinen Ort in der Provinz Kars an der Ostgrenze der Türkei zu Armenien nahe dem Berg Ararat.
"Da hast du aber einen sehr weiten Weg zurückgelegt..."
"Ja, habe ich Abi, mehr als 1.200 Kilometer, bin schon seit zwei Wochen unterwegs. Ein so tolles Auto hat mich bislang nicht mitgenommen, nur Lastwagen..."
"Was hast du denn in Sarıkamış gemacht?"
"Militärdienst!"
"Fertig gedient?"
"Ja, Abi..."
"Warst du einfacher Soldat, Rekrut?"
"Ja, Abi..."
"Wie lange? Zwei Jahre, anderthalb Jahre?"
"Elf Jahre, Abi..."
Er schaute immer aus den Fenstern nach vorne, zu den Seiten, und sagte zwischendurch auch immer wieder: "Wie sich das alles hier verändert hat? Als ich zum Militärdienst mit dem Bus hier vorbei fuhr, war hier nur Landschaft, keine Häuser, keine Fabriken..."
"Elf Jahre? Warum so lange?"
"Ich habe den Hauptleutnant erschossen und wurde zu elf Jahren Militärgefängnis verurteilt."
200 km/h zum Schutz meines Lebens
Mir stockte der Atem. Ich hatte einen "Mörder" als Anhalter mitgenommen. Aber er sah so friedlich aus. Ich gab aus Angst Vollgas, erhöhte das Tempo meines damaligen Schlittens auf 200 und wollte nur noch eins: So schnell wie möglich in Istanbul ankommen und den Mann irgendwo absetzen... Zudem dachte ich, er werde bei diesem Tempo sicherlich keine Waffe aus der Tasche holen und mich zum Anhalten zwingen, weil er ja mit mir sterben würde, wenn sich das Auto hei dieser Geschwindigkeit überschlägt. Er sagte nichts, doch mein Rasen machte ihn merklich unruhig.
"Er hatte den Tod verdient!"
Doch wurde ich auch neugierig, auf eine besondere Geschichte, vielleicht auf ein besonderes menschliches Schicksal.
"Warum hast du denn ihn umgebracht und wie?"
"Ich war erst ein paar Tage in der Kaserne. Auf den Tischen lagen die Gewehre zum Üben von Laden und Entladen. Ich habe einen Fehler gemacht und er hat auf meine Mutter und meine Frau geflucht und mich zugleich geohrfeigt.."
"Dann...??"
"Dann habe ich ihn gebeten, sich bei mir zu entschuldigen!"
"Dann...??"
"Dann hat er mir mit dem Gewehrkolben die Vorderzähne ausgeschlagen."
"Dann...??"
"Dann habe ich das Gewehr genommen und ihn erschossen. Er hatte den Tod verdient. Ich wurde zu 15 Jahren verurteilt, die letzten vier Jahre wurden wegen guter Führung erlassen."
"Endziel" Bandirma am Marmarameer
"Was willst du jetzt in Istanbul machen?"
"Ich will nicht nach Istanbul, mein Ziel ist Bandirma."
Bandirma ist ein schöner Küstenort am Marmarameer nahe den Dardanellen mit einem Fährhafen.
"Kommst du aus Bandirma?"
"Ja, aus einem Dorf mit dem Namen Orhaniye..."
"Hast du deine Eltern da, Verwandte...?"
"Meine Frau ist da. Ich habe sie seit elf Jahren nicht mehr gesehen. Bevor ich zum Militärdienst eingezogen wurde, hatten wir geheiratet. Sie war schwanger, als ich ging. Ich habe einen Sohn, zehn Jahre alt, den ich zum ersten Mal sehen werde..."
Meine Angst hatte sich gelegt. Er tat mir sehr leid. Ich fuhr inzwischen wieder im Normaltempo irgendwo zwischen 130 und 150 Stundenkilometern.
"Hat deine Frau dir Briefe geschrieben und vielleicht auch Bilder von deinem Sohn geschickt.?"
Er zog zwei kleine Portätbilder eines kleinen Jungen mit einem sehr hübschen Gesicht. Während er mir die Bilder gab, sah ich in seinem Lächeln die Vorfreude auf das Wiedersehen mit seine Frau und seinem Sohn, mit seinen Verwandten und Eltern.
Keine Zeit für süße Kalorienbombe
Wir waren schon am wunderschönen Sapanca-See vorbeigefahren und Istanbul rückte immer näher. Ich wollte ihm in Izmit eine Packung "Pischmaniye" kaufen, eine süße Kalorienbombe, Spezialität in dieser Gegend. Deshalb wollte ich von der Autobahn runter und in die Stadt fahren. Doch er bat mich darum, weiterzufahren: "Abi, bitte sei mir nicht böse, aber ich will so schnell wie möglich zu meinem Sohn. Bin schon seit zwei Wochen unterwegs..."
"Warum bist du denn nicht mit dem Bus gefahren? Dann wärst du doch viel schneller in Bandirma angekommen..."
"Ich habe kein Geld. Im Gefängnis bekam ich keins. Nur Essen gab's und genug zu trinken. Für unsere Arbeit im Gefängnis gab es zwar etwas Geld, aber die kassierten die Wärter als Lohn dafür, dass sie uns nichts taten..."
"Ich will keine Almosen!"
"Aber du kannst doch nicht so mit leeren Händen da auftauchen. So ein Junge erwartet immer, dass der Vater nach so einer langen Zeit etwas für ihn mitbringt. Er muss sich ja auch an dich gewöhnen. Glaube es mir, ich habe zwei Kinder und nach jeder längeren Reise habe ich immer was mitgebracht. Kinder freuen sich so herrlich..."
"Was soll ich denn wie kaufen, Abi?"
"Pass mal auf, ich gebe dir etwas Geld..."
"Nein, kommt überhaupt nicht infrage. Ich will keine Almosen!"
"Das sind keine Almosen, du bist ja auch kein Bettler, Bettler kriegen von mir nichts..."
"Ich kann dein Geld nicht nehmen. Bete für mich, das ist wertvoller als jedes Geld, das du mir jetzt gibst..."
Ich hatte meine Geldbörse links in der Fahrertürtasche. Ich holte daraus 100 Mark und reichte ihm den Geldschein mit den Worten: "Komm, nimm bitte das Geld, ich werde für dich auch beten."
Er schaute weg, schämte sich wohl, doch ich ließ nicht locker: "100 Mark sind für dich viel Geld, für mich zwar auch, aber ich kann es eher verkraften, dir 100 Mark zu geben, als du ohne Geld und ohne ein Geschenk für deinen Sohn zu Hause aufzutauchen."
Er blieb beharrlich: "Nein, Abi, du meinst es gut, aber ich will keine Almosen..."
"Das sind keine Almosen. Kaufe damit kein Spielzeug. Dein Sohn geht doch bestimmt zur Schule, kaufe ihm ein paar neue Hefte, einen schönen Füller, schöne Buntstifte, Zeichenpapier, vielleicht auch eine neue Schultasche. Ich gebe das Geld nicht dir, sondern deinem Sohn. Ich werde auch dafür beten, dass er gesund bleibt und ein guter Mensch wird..."
Endlich akzeptierte er die 100 Mark
Mein "Mörder" war inzwischen aufgeweicht, nahm das Geld, dankte mit vielen Gebetsfloskeln und steckte das Geld in die Brusttasche seiner Jeansjacke: "Abi, ich danke dir, du bist ein guter Mensch, hast ein großes Herz. Möge Allah dir Krankheiten ersparen und deine Kinder mögen gute Menschen werden, in guten Berufen arbeiten..."
"Wo willst du denn aussteigen?"
"Fährst du in Richtung Flughafen?"
"Ja!"
"Dann setz mich doch bitte irgendwo an der Autostraße nach Tekirdag aus. Ich finde bestimmt jemanden, der mich Bandirma näher bringt..."
Inzwischen hatte ich geschätzt genug türkisches Geld abgezählt, um es ihm zu geben: "Hier, wir zwei sind jetzt Freunde, hier hast du Geld für eine Busfahrt nach Bandirma oder Canakkale, von wo du schnell in dein Dorf fahren kannst... "
"Allah möge dich beschützen, Abi..." Er stieg aus, ging langsamen Schrittes entlang der Autostraße. Ich schaute ihm hinterher, bis er hinter einem Haus verschwand und nicht mehr zu sehen war. Ich dankte Allah dafür, dass ich so etwas nie erleben musste...
Dank für eine tolle Lektion
Ich hatte die Geschichte nur meinem engsten Familien- und Freundeskreis erzählt. Ein paar Wochen später trafen wir uns in größerem Freundeskreis wie so oft in einem netten Fischlokal am Bosporus zum gemütlichen Beisammensein.
Einer meiner Freunde, den ich lange nicht mehr gesehen hatte und der auch viel mit dem Auto in Anatolien unterwegs war, ergriff das Wort und sagte: "Vor drei Tagen fuhr ich den Bolu-Berg runter und an den Ticketautomaten von Kaynasli streckte mir ein Mann ein Ticket entgegen. Der arme Mann hatte ja ein schweres Schicksal, wir sollten Allah alle danken, dass es uns so gut geht...
Ich sagte nur noch: "Er hatte elf Jahre im Militärgefängnis von Sarıkamış gesessen, weil er seinen Hauptleutnant im Streit erschossen hat. Er stammt aus Bandirma und hat seinen zehnjährigen Sohn noch nie gesehen... Wieviel Geld hast du ihm denn gegeben?"
Mein Freund stammelte nur noch: "50 Dollar..."
Hey, du Betrüger, ich gönne dir die 100 Mark vom Herzen... Sie sind der Lohn für eine der tollsten Lektionen, die mir erteilt worden ist. So herrlich wie von dir bin ich bis heute nicht betrogen worden...